Positionspapier zum Thema Zugänglichkeit und Standards im Internet
27. Juni 2000
Kontakt: siug@siug.ch
Dieser Text legt die Position der SIUG zum Thema "Zugänglichkeit und Standards im Internet" dar.
0. Inhalt
1. Problematik
Das Internet ist in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Informationskanäle geworden. Es erlaubt Millionen von Menschen, sich schnell und zuverlässig Informationen zu erschliessen.
Die Idee des Internets war und ist, dass die Informationen für alle zugänglich sind; unabhängig davon, welcher Browser, welches Betriebssystem oder welche Rechnerarchitektur verwendet wird.
Leider gerät dieser Grundsatz immer mehr in Vergessenheit. Schlimmstes Beispiel dafür sind sicher die Auswirkungen der "Browser Wars" zwischen Netscape mit ihrem Navigator und Microsoft mit dem Internet Explorer. Beide Kontrahenten versuchten, die Kompatibilität von Webseiten zu erschweren, indem sie Formatierungen einführten, die nur vom eigenen Browser interpretiert werden können. Auf der anderen Seite unterstützen die beiden grossen Browser offene Standards überhaupt nicht oder nur teilweise. Eine Folge davon war, dass auf immer mehr Webseiten, Aussagen wie "Optimized for Internet Explorer" oder "Best viewed with Netscape Navigator" auftauchten. Eine Entwicklung, die der Idee des Internets total zuwiderläuft.
Dieser Verlauf brachte massive Nachteile für das gesamte Internet mit sich:
- Informationen und Angebote sind für Benutzer anderer Browser überhaupt nicht oder nur schwer zugänglich.
- Webseiten werden doppelt unterhalten; einmal für den Netscape Navigator und einmal für den Internet Explorer.
- Webseiten, die für eine ältere Version des jeweiligen Browsers optimiert sind, werden in neueren Versionen nicht mehr "richtig" angezeigt.
- Programme zum Erstellen von Webseiten liefern Resultate, die nicht den Standards entsprechen.
- Roboter (automatische Suchprogramme) können den Inhalt der Seiten nicht zuverlässig auswerten.
Punkt 1 ist besonders schwerwiegend, da Blinde und Sehbehinderte auf textbasierte Browser oder andere Hilfsmittel angewiesen sind. Somit wird diesen Menschen die Möglichkeit genommen, bestmöglich vom Internet zu profitieren.
Punkte 2 und 3 verursachen vollkommen unnötige Mehrarbeit und zusätzliche Kosten für Web Content Anbieter.
Um Informationen im Internet überhaupt finden zu können, sind Suchmaschinen unumgänglich. Diese können nur dann sinnvoll funktionieren, wenn die Roboter die vorhandenen Informationen treffsicher und effizient verarbeiten können.
Oben genannte Probleme lassen sich einfach lösen, wenn sich sowohl die Betreiber von Webseiten als auch die Softwarehersteller an die vom World Wide Web Consortium herausgegebenen Standards halten und bewusst darauf achten, dass Webseiten für alle Arten von Software und für alle Menschen gleichermassen zugänglich sind.
2. Forderungen
Die SIUG fordert deshalb:
- Webseiten müssen allen Menschen zugänglich sein.
- Webseiten sollen den Standards des World Wide Web Consortiums (W3C) entsprechen.
- Software zum Erstellen von Webseiten muss sicherstellen, dass die Resultate obige Forderungen erfüllen.
- Webseiten von staatlichen Stellen müssen zwingend mindestens Konformitätsniveau A mit den Web Content Accessibility Guidelines des W3C erreichen.
Webseiten müssen zugänglich sein
Zugängliche Webseiten zeichnen sich durch die folgende beiden Prinzipien aus:- Für geschmeidige Transformation sorgen
- Inhalte verständlich und navigierbar machen
Für geschmeidige Transformation sorgen
"Für geschmeidige Transformation sorgen" bedeutet, dass die Seiten zugänglich bleiben, selbst wenn sie Einschränkungen unterliegen. Das können sowohl technische (zum Beispiel: Verwendung eines älteren/alternativen Browsers) als auch biologische (zum Beispiel: Farbenblindheit) Einschränkungen sein.
Inhalte verständlich und navigierbar machen
Es ist ausgesprochen wichtig, dass man komfortabel innerhalb von Seiten navigieren kann. Alle Seiten (also auch die innerhalb von Frames!) müssen mit einfachen Links erreichbar sein und sollten auch Links zu einer Hauptseite bieten. Das ist deshalb sehr wichtig, da viele Besucher über Suchmaschinen auf eine Seite gelangen. Das ist oftmals nicht die Hauptseite, so dass die Suche in einer Sackgasse endet, wenn nicht geeignete Navigationsmechanismen bereitgestellt werden.
Zum Beispiel darf keinesfalls Java-Script für die grundlegenden Navigationsmechanismen verwendet werden, da viele Browser das nicht unterstützen oder die Java-Script-Unterstützung aus Sicherheitsgründen abgeschaltet ist. Bei Imagemaps ("klickbare Bilder") sollten alternativ Textlinks bereitgestellt werden.
Dokumenttypen im Internet
Prinzipiell sollte man vermeiden, Informationen nur als nicht-HTML-Dokument bereitzustellen. Sollte es sich dennoch als nötig erweisen, so sollten Formate verwendet werden, deren Spezifikationen dokumentiert und frei verfügbar sind. Das bedeutet, dass es sich bei den verwendeten Formaten um offen Standards handelt. Ausserdem muss das Format auf den meisten Rechnerarten und Betriebssystemen gelesen werden können. Der Quasistandard dafür ist das Portable Document Format (PDF).
Besonders die proprietären Formate von Textverarbeitungen und Tabellenkalkulationen sollten nicht verwendet werden.
Webseiten sollen den Standards des World Wide Web Consortiums (W3C) entsprechen
Die Standards des W3C enthalten bereits in den Spezifikationen Mittel, um die Zugänglichkeit zu verbessern und sind deshalb ein Mittel, um diese zu gewährleisten.
Standardkonforme Seiten erleichtern es Suchrobotern, die Seiten genauer zu indexieren. Das erhöht die Chance, dass Besucher überhaupt den Weg auf eine Seite finden.
Standardkonforme Seiten werden auch in zukünftigen Browsern richtig dargestellt. Es ist sehr unsicher, ob zukünftige Browser ähnlich grosszügig mit Syntaxfehlern umgehen, wie das heute der Fall ist.
Webseiten von staatlichen Stellen müssen zwingend mindestens ein Konformitätsniveau A mit den Web Content Accessibility Guidelines 1.0 des W3C erreichen.
Niemand darf diskriminiert werden[...] wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.[...]
Das Gesetz sieht Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vor.
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Artikel 8
Die Einhaltung der Web Content Accessibility Guidelines stellt sicher, dass auch behinderte Menschen nicht von den Informationen im Netz ausgeschlossen werden.
Wenn diese Richtlinien nicht eingehalten werden, zwingen die zuständigen Stellen die Benutzer, ganz bestimmte Browser zu verwenden. Vor allem könnten die verschiedenen Stellen auch noch unterschiedliche Browser voraussetzen bzw. ihre Seiten nur für den jeweiligen Browser optimieren. Diese Einschränkung der freien Wahl kann nicht hingenommen werden.
3. Links
Weiterführende Informationen
- World Wide Web Concortium
(W3C)
Das W3C spezifiziert die Standards für das Internet; insbesondere HTML und CSS.
http://www.w3.org -
Web
Accessibility Initiative (WAI)
Eine Arbeitsgruppe des W3C, die sich speziell mit dem Thema "Zugänglichkeit" beschäftigt und Richtlinien dazu verabschiedet.
http://www.w3.org/WAI/ - Webcontent Accessiblity Guidelines
Die offiziellen Richtlinien, was eine zugängliche Webseite erfüllen muss. Es gibt Übersetzungen unter anderem auf Deutsch und auf Französisch.
http://www.w3.org/TR/WAI-WEBCONTENT/ - Aware
Center
Ein reiches Angebot an zusätzlichen Informationen rund um das Thema "Zugänglichkeit.
http://www.awarecenter.org/ - WWW-Design für
Sehbehinderte
Ein Artikel, der die Problematik der Zugänglichkeit für blinde und sehbehinderte Menschen beschreibt.
http://selfaktuell.teamone.de/artikel/design/blinde/index.htm - Anybrowser.org
Kampagne für ein Browser-unabhängiges Web.
http://www.anybrowser.org/campaign/ - Selfhtml
Umfassendes HTML Online-Handbuch. Insbesondere werden die proprietären Befehle gekennzeichnet.
http://selfhtml.teamone.de/
Technische Hilfsmittel
- validator.w3.org
Ermöglicht es, online zu überprüfen, ob Seiten den Standards entsprechen.
http://validator.w3.org/ - Bobby
Ein Online-Tool, das Webseiten auf ihre Zugänglichkeit überprüft.
http://www.cast.org/bobby/ - Web Page
Backward Compatibility Viewer
Online Tool, um ältere Browser zu simulieren. Man kann selektiv die Unterstützung für Tabellen, Frames, etc. abschalten, um einen Eindruck zu erhalten, wie Seiten auf älteren oder alternativen Browsern aussehen.
http://www.delorie.com/web/wpbcv.html - Amaya
Browser und WYSIWYG-HTML-Editor des W3C.
http://www.w3.org/Amaya/ - Tidy
Utility, das unter anderem HTML-Seiten auf Tippfehler überprüft und HTML-Seiten von Microsoft Produkten in standardkonforme Seiten umwandeln kann.
http://www.w3.org/People/Raggett/tidy/
